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b-Blog-Beitrag vom 19.11.2025

Appell des Startchancen-Netzwerks für mehr Tempo

Startchancen-Programm jetzt umsetzen

Auch anderthalb Jahre nach dem offiziellen Start des Startchancen-Programms ist in vielen Schulen die Hilfe für Schul- und Unterrichtsentwicklung noch nicht angelaufen. Dabei tickt die Uhr. Denn mit jedem Monat ohne Förderung steigt die Gefahr, dass sich die Situation an den Schulen weiter zuspitzt und die Kinder abgehängt werden.

Der Bund hat für das Startchancen-Programm Milliarden bereitgestellt. Doch noch immer melden Schulen zurück, dass das Geld nicht vollumfänglich ankommt.

Navina Nauta

Was die Studie zeigt – und warum der Osten Deutschlands das Schlusslicht bildet

Gemeinsam mit dem Österreichischen Institut für Familienforschung hat die Bertelsmann-Stiftung eine neue Kennzahl entwickelt: die Personalausstattungsquote. Sie misst, wie viel Personal eine Kita tatsächlich hat im Verhältnis zu dem, was Fachleute empfehlen. Dabei wird berücksichtigt, wie alt die Kinder sind, ob sie besonderen Förderbedarf haben und wie komplex die Gruppensituation ist.

Das Ergebnis? Bundesweit erreichen nur 13,7 %der Kitas den empfohlenen Standard. In Ostdeutschland sind es gerade einmal 2,0 %. Das hat historische Gründe: Nach der Wiedervereinigung floss im Osten Deutschland weniger Geld in Kita-Personal als im Westen. Dazu kommen niedrigere gesetzliche Personalschlüssel in vielen ostdeutschen Ländern und ein besonders starker Fachkräftemangel: Junge Menschen wählen den Beruf seltener oder wandern ab.

Viele Kitas können infolgedessen ihren Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag nur eingeschränkt erfüllen, vor allem für die Kinder, die am meisten Unterstützung bräuchten.

Der personelle Notstand: Wenn die Hälfte des Teams fehlt

Die Schlusslichter der Statistik bildet Mecklenburg-Vorpommern, knapp gefolgt von Sachsen. Die Mehrheit der sächsischen Kitas kämpfen mit einer massiven personellen Unterbesetzung, die weit unter den Empfehlungen von Fachleuten liegt. Besonders dramatisch ist auch die Zuspitzung in Mecklenburg-Vorpommern, wo unglaubliche 84 % der Einrichtungen mit weniger als 60 % der eigentlich benötigten Kapazität planen müssen. Konkret bedeutet das: Eine durchschnittliche Kita in MV hat nur halb so viel Personal, wie sie bräuchte, um ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden (Median der Personalausstattungsquote = 0.50). Während bundesweit immerhin noch knapp 14 % der Kitas den empfohlenen Standard erreichen.

Was das für unsere Kinder bedeutet

Der Alltag in vielen Kitas hat sich auf das absolute Minimum reduziert: aufpassen, dass nichts passiert, dass niemand zu Schaden kommt, dass die Gruppe einigermaßen zusammengehalten wird. Den Tag mit letzter Kraft irgendwie über die Runden bringen. Was früher Raum für kleine Entdeckungen, für tröstende Worte, für gezielte Impulse und echte Begegnungen ließ, ist längst verdrängt worden von einem permanenten Überwachungsmodus. Was bleibt, ist ein stiller, permanenter Kampf gegen das Chaos, bei dem jede Minute zählt und jede Minute fehlt.

Die Bertelsmann-Expertin Kathrin Bock-Famulla warnt aufgrund dieser Überlastung unmissverständlich vor „pädagogisch unangemessenem Handeln“. Das ist ein diplomatischer Begriff für einen Zustand, den Fachkräfte als täglichen Überlebenskampf beschreiben.
Das klingt hart, aber genau das bildet den Alltag in vielen deutschen Kitas ab. Und die Konsequenzen hallen noch Jahre später nach – wenn die Grundschulen die Defizite auffangen müssen. Denn in den Jahren vor der Einschulung entwickeln sich entscheidende Fähigkeiten: Impulskontrolle, Konzentration, der Umgang mit Frust, die Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen. In der Fachsprache heißen sie exekutive Funktionen und sie sind das Fundament, auf dem schulisches Lernen aufbaut. Ein Kind, das in der Kita gelernt hat, abzuwarten, zuzuhören und sich zu organisieren, hat es in der Schule leichter. Ein Kind, dem diese Erfahrungen fehlen, startet mit einem massiven Nachteil.

Und genau diese Förderung braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Beziehung. Alles Dinge, die in einer unterbesetzten Kita Mangelware sind. Sprachförderung, emotionale Begleitung, das Eingehen auf einzelne Kinder – all das leidet, wenn das Personal am Limit ist. So werden aus kleinen Lücken in der Kita große Klüfte in der Grundschule.

Warum uns das alle etwas angeht

Man könnte denken: Kita-Personal ist ein Problem der Träger, der Kommunen, der Politik. Die Folgen aber tragen wir alle.

Kinder, die schlecht vorbereitet in die Schule starten, haben ein höheres Risiko für Lernprobleme, Klassenwiederholungen und Schulabbrüche. Das bedeutet: mehr Förderprogramme, mehr Jugendhilfe, mehr Transferleistungen – und gleichzeitig weniger Chancen für die betroffenen Kinder. Studien der OECD und Langzeituntersuchungen wie das Perry Preschool Project belegen eindrucksvoll: Jeder Euro, der in hochwertige frühkindliche Bildung fließt, spart im späteren Lebensverlauf ein Vielfaches an Kosten ein. Experten beziffern diese Bildungsrendite auf bis zum 16-fachen des ursprünglichen Einsatzes. Frühkindliche Bildung ist somit die rentabelste Investition in unsere gemeinsame Zukunft.

Was jetzt passieren muss – und was schon passiert 

Die gute Nachricht: Es gibt Ansätze, die funktionieren. Und es gibt politische Instrumente, die genau dafür gedacht sind.

Das Startchancen-Programm stellt bundesweit 20 Milliarden Euro bereit, um Schulen in schwieriger Lage zu stärken – auch beim Übergang von der Kita in die Grundschule. In MV profitieren seit 2024/25 bereits 72 Schulen. Das geplante Qualitätsentwicklungsgesetz, das 2026 kommen soll, könnte weitere Verbesserungen bringen, ebenso wie die im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellten Startchancen-Kitas, die ebenfalls auf eine bessere Übergangsgestaltung einzahlen.

Aber Programme allein reichen nicht. Es braucht konkrete Angebote vor Ort, die Kinder auffangen, die in überlasteten Kitas zu kurz kommen. Genau hier schließen wir mit xmentors die Lücke.

Unser Programm „Fit für die Schule“ begleitet Kinder gezielt beim Übergang in die Grundschule. In kleinen Gruppen, mit einer festen Bezugsperson, direkt in den Schulräumen. Wir arbeiten an genau den Fähigkeiten, die in vielen Kitas nicht mehr ausreichend gefördert werden können: Konzentration, Selbstregulation, soziales Miteinander. Kinder mit besonderem Förderbedarf bekommen individuelle Unterstützung. Und Schulen bekommen die Entlastung, die sie dringend brauchen.

Wir ersetzen keine Kita und wir ersetzen keine Erzieher*innen – im Gegenteil: Wir ergänzen ihre Arbeit dort, wo das System an seine Grenzen stößt.

Fazit: Krise oder Wendepunkt?

Die Bertelsmann-Studie enthüllt eine fragile Bildungskette: Personalmangel in Kitas, besonders im Osten, gefährdet den fairen Start in die Schule für Tausende Kinder. Kein Kind sollte unvorbereitet in die Schule starten. Aber bis die politischen Reformen greifen, dürfen wir die Kinder von heute nicht warten lassen. Gezielte Übergangsangebote wie „Fit für die Schule“ helfen, Brücken zu bauen und Defizite aufzufangen. 

Jedes Kind verdient einen guten Start. Gemeinsam können wir ihn ermöglichen.

Doc-text Doc-text Pressemitteilung

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