Blog  ·  17.07.2026

Schulentwicklung & Chancengerechtigkeit

Schulstart, der trägt: Wie Schulen den Übergang von der Kita in die Grundschule aktiv gestalten

Berlin, 17.07.2026

Noch bevor das erste Wort gelesen ist, ist der Vorsprung verteilt. Bei einer aktuellen Schuleingangsuntersuchung in Niedersachsen zeigten rund 25 Prozent der Kinder Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung – bei Kindern aus bildungsfernen Familien waren es 43 Prozent. Der Übergang in die Grundschule ist damit weit mehr als ein Schultüten-Moment: Er ist der Punkt, an dem sich Bildungschancen früh entscheiden. 

Und er entscheidet sich nicht an Buchstaben und Zahlen, sondern daran, ob ein Kind sich zutraut, ein fremdes Kind anzusprechen, eine halbe Stunde auf seinen Wunsch zu warten und sich auf eine neue Lehrkraft einzulassen. Der Schulstart gelingt vor allem über sozial-emotionale Kompetenzen – und genau hier können Schulen mehr bewirken, als ihnen oft bewusst ist.

Mehr als ein Datum im Kalender: Der Übergang als Entwicklungsaufgabe

In der Bildungsforschung spricht man bei einem solchen Lebensabschnitt von einer Transition — einem Übergang, der für das Kind eine grundlegende Veränderung seiner Identität und seiner Beziehungen bedeutet. Die Transitionsforschung um Wilfried Griebel und Renate Niesel hat gezeigt, dass ein Kind den Schuleintritt auf mehreren Ebenen zugleich bewältigen muss: Es muss starke Emotionen verarbeiten (Vorfreude, aber auch Verlust und Unsicherheit), neue Beziehungen aufbauen, zu Lehrkräften und einer ganzen Klasse fremder Kinder, und sich in einer Lebenswelt zurechtfinden, in der plötzlich andere Erwartungen gelten.

Entscheidend ist: Diese Aufgabe bewältigt das Kind nicht allein. Ein Übergang gelingt, wenn Kita, Elternhaus und Schule ihn gemeinsam gestalten — als geteilten Prozess und nicht als Stichtag, an dem ein Kind „fertig“ zu sein hat. Wird er als bloßer Wechsel des Gebäudes verstanden, entsteht ein Bruch: Das, was in der Kita aufgebaut wurde, knüpft nicht an das an, was die Schule erwartet. Und gerade Kinder, die ohnehin weniger Rückenwind mitbringen, fallen durch diesen Spalt.

Was Sie in diesem Beitrag erwartet 

  • Warum der Übergang eine Entwicklungsaufgabe ist – und kein Datum im Kalender
  • Weshalb „Schulfähigkeit“ mehr meint als Lesen, Schreiben und Rechnen
  • Warum der Übergang über Chancengerechtigkeit entscheidet 
  • Welche Hebel Schulen konkret in der Hand haben 

Schulfähigkeit neu gedacht: Warum sozial-emotionale Kompetenzen den Unterschied machen

Lange drehte sich die Frage nach der „Schulreife“ um kognitive Vorläuferfähigkeiten. Kann das Kind einen Stift halten, Mengen erfassen, Laute unterscheiden? Diese Fähigkeiten zählen, aber sie sind nur ein Teil des Bildes. Wer Lehrkräfte fragt, was Kinder im ersten Schuljahr wirklich trägt, hört selten zuerst „Buchstabenkenntnisse“ — viel häufiger aber, dass ein Kind warten, zuhören, sich in eine Gruppe einfügen und mit Frust umgehen kann.

Genau hier setzen sozial-emotionale Kompetenzen an. Das international etablierte CASEL-Rahmenmodell beschreibt fünf Bereiche, die sich eins zu eins auf den Schulstart übertragen lassen:

  • Selbstwahrnehmung — Das Kind erkennt eigene Gefühle und kann benennen, ob es traurig, wütend oder aufgeregt ist.
  • Selbstregulation — Es kann einen Impuls zurückstellen, abwarten und sich nach einem Streit wieder beruhigen.
  • Soziales Bewusstsein — Es nimmt die Gefühle anderer wahr und kann deren Perspektive einnehmen.
  • Beziehungsfähigkeit — Es geht auf andere zu, schließt Kontakte und bittet bei Bedarf um Hilfe.
  • Verantwortungsvolle Entscheidungen — Es hält Regeln ein, weil es ihren Sinn versteht, nicht nur aus Angst vor Sanktionen.

Diese Kompetenzen sind keine angeborene Charakterfrage, sondern lassen sich gezielt fördern. Eine umfangreiche Metaanalyse von Cipriano und Kolleg*innen (2023) zeigt, dass schulische Programme zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen nicht nur Sozialverhalten und Wohlbefinden verbessern, sondern auch die schulischen Leistungen. Denn Wohlbefinden ist keine nette Begleiterscheinung, sondern die eigentliche Basis für erfolgreiches Lernen: Wer sich in seiner Klasse sicher fühlt und seine Gefühle steuern kann, hat schlicht mehr freie Kapazität zum Lernen.

Wie eng mentale Gesundheit und Bildungserfolg zusammenhängen und warum sie einen geschlossenen Wirkungskreis bilden, beleuchten wir ausführlich in unserem Whitepaper »Mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Bildungskontext«.

Warum der Übergang eine Frage der Chancengerechtigkeit ist

Für Schulen ist diese Schieflage der eigentliche Hebel. Die in der Sprachentwicklung sichtbare Schere — bei Kindern aus bildungsfernen Familien ist fast jedes zweite betroffen — zieht sich durch die gesamte Entwicklung, auch durch die sozial-emotionale. Eine positive Entwicklung hängt nachweislich mit Schutzfaktoren zusammen: unter anderem einem höheren Bildungsgrad der Eltern, einem Kindergartenbesuch von mindestens drei Jahren, geringem Medienkonsum und sportlicher Aktivität. Kinder, die mehrere dieser Faktoren nicht mitbringen, starten mit Rückstand.

Das bedeutet: Wenn eine Schule den Übergang dem Zufall überlässt, vergrößert sie bestehende Unterschiede. Die Kinder mit dem meisten Rückenwind kommen gut an, die anderen geraten früh ins Hintertreffen. Gestaltet sie ihn aktiv, wird er zum wirksamsten Frühförder-Instrument, das sie hat. Genau an dieser Logik setzt auch das Startchancen-Programm an.

Vier Hebel, die Schulen selbst in der Hand haben

1. Gezielte Vorbereitung vor dem ersten Schultag

Kinder profitieren, wenn sie schon vor dem Schuleintritt lebenspraktische und sozial-emotionale Fähigkeiten in einem geschützten Rahmen üben — besonders jene ohne durchgängige Kita-Erfahrung. Ziel ist nicht, Schule vorzuziehen, sondern Selbstwirksamkeit aufzubauen: „Das kann ich schon.“ Ein willkommener Nebeneffekt: Solche Übergangsprogramme zeigen frühzeitig, wo die einzelnen Kinder stehen. Diese Erkenntnisse lassen sich nutzen, um die neuen Klassen von Beginn an ausgewogen zusammenzustellen und tragfähige Lerngruppen zu bilden.

2. Sanfter Einstieg statt hartem Schnitt

Die ersten Wochen entscheiden über Zugehörigkeit. Wo die neue Klasse bewusst als Gemeinschaft aufgebaut wird — durch kooperative Spiele, gemeinsam entwickelte Regeln und Erfahrungsräume des Dazugehörens — entsteht die emotionale Sicherheit, die alles Weitere trägt.

3. Eltern als Partner, nicht als Publikum

Eltern erleben den Übergang oft genauso aufgeregt wie ihr Kind. Niedrigschwellige Anlaufstellen, an denen sie Fragen stellen und Orientierung bekommen, übersetzen schulische Erwartungen in den Familienalltag — und entlasten am Ende die Lehrkräfte.

4. Die Schnittstelle zur Kita konsequent nutzen

Der wirksamste Ansatz liegt nicht in der Kita oder der Schule, sondern in ihrer Zusammenarbeit. Wenn Erzieher*innen und Lehrkräfte ihr Wissen über ein Kind teilen und Übergänge gemeinsam planen, wird aus einem Bruch eine Brücke.

Wie das in der Praxis aussieht

Konkret kann das so funktionieren: In der Übergangsförderung arbeitet eine qualifizierte Fachkraft einmal oder zweimal pro Woche für rund 90 Minuten mit einer kleinen Gruppe von Kindern, die noch vor dem Schuleintritt stehen. Spielerisch werden lebenspraktische und sozial-emotionale sowie Vorläufer-Fähigkeiten aufgebaut — mit ständiger Rückkopplung zur künftigen Lehrkraft. Auch die Eltern werden eingebunden, um eine lernförderliche Verbindung zur Schule anzubahnen. Das Ziel ist ein erfolgreicher Übergang in die erste Klasse, der dadurch geprägt ist, dass die Kinder sich sicher, wohl und selbstwirksam fühlen — und somit die Bedingungen für erfolgreiches Lernen gegeben sind.

Im neuen Schuljahr setzt die Klassengemeinschaftsarbeit an. Über kooperative Aufgaben und partizipativ entwickelte Klassenregeln erlebt sich die Klasse als Gruppe, bevor der Leistungsalltag beginnt. Auch hier können einzelne Kinder bei Bedarf weiterhin begleitet werden, um die Lehrkräfte zu entlasten. Parallel öffnen Elterncafés und Eltern-Kind-Workshops einen Raum, in dem Familien ankommen dürfen.

Fazit

Jenseits von Schultüten-Hype und Einschulungskonfetti: Was entscheidet wirklich darüber, ob ein Kind den Sprung ins Schulleben schafft? Nicht, ob es seinen Namen schon schreiben kann — sondern ob es sich sicher, wohl und zugehörig fühlt, seine Gefühle steuern und auf andere zugehen kann. Sicherheit, Wohlbefinden und sozial-emotionale Kompetenzen sind das Fundament, auf dem schulisches Lernen tragfähig wird. Und der Übergang ist der Moment, in dem Schulen am meisten bewirken können. Wer ihn gestaltet, statt ihn geschehen zu lassen, sorgt dafür, dass kein Kind den Anschluss verliert.

Wie xmentors Schulen beim Übergang unterstützt

xmentors versteht Schule systemisch und begleitet Schüler*innen vom Übergang in die Grundschule bis zum Übergang in den Beruf. Für Kinder vor dem Schuleintritt fördert eine qualifizierte Fachkraft im Rahmen des Programms „Fit für die Schule“ in Kleingruppen gezielt sozial-emotionale Kompetenzen, basale Vorläuferfähigkeiten und lebenspraktische Fähigkeiten. Das Programm „Klasse Klasse“ stärkt zum Schulstart das Gemeinschaftsgefühl der neuen Klasse, „Ich-Du-Wir“ rückt Selbstwahrnehmung, Empathie und Selbstregulation in den Mittelpunkt — und über Elterncafés und Eltern-Kind-Workshops werden Familien niedrigschwellig einbezogen. Im Rahmen des Startchancen-Programms verzahnt xmentors diese Bausteine mit der Schulentwicklung vor Ort.

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Quellenverzeichnis

CASEL (2020): CASEL’s SEL Framework. Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning.

Cipriano, C., Strambler, M. J., Naples, L. H. et al. (2023): The State of Evidence for Social and Emotional Learning: A Contemporary Meta-Analysis of Universal School-Based SEL Interventions. Child Development, 94(5).

Griebel, W. & Niesel, R. (2017): Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. Berlin: Cornelsen.

Niedersächsisches Landesgesundheitsamt (NLGA) (2024): Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung – Vergleich von Daten ausgewählter Kommunen vor, während und nach der Corona-Pandemie. Hannover (Einschulungsjahrgang 2022).

Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz (2025): Risiken für Verhaltensauffälligkeiten bei Vorschulkindern aus eltern- und schulärztlicher Perspektive.

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